Ich hasse Kritik

Und es geschah im vierzigsten Jahre im elften Monate am ersten des Monats, redete Mosche zu den Kindern Jisrael ganz so, wie der Ewige ihm für sie geboten.“Dewarim 1:3

Mosche tadelte das jüdische Volk erst am Ende seines Lebens

Als Mosche Rabeinu dem Ende seines Lebens nahe kam, versammelte er Klal Jisroel um sie für die Sünden, die sie während der vierzigjährigen Wanderung in der Wüste begangen haben, zu tadeln.

Raschi stört, warum er wartete. Warum hat er sie nicht Jahre zuvor getadelt, als die Ereignisse stattgefunden haben? Raschi erklärt, dass Mosche von Jaakow Awinu lernte. Jaakow ermahnte seinen Sohn Reuwen erst, als er nahe dem Tod war. „Wenn es dich wundert, warum ich dich während all der Jahre nicht ermahnte,“ erklärte Jaakow an Reuwen, „so ist es weil ich befürchtete, du würdest mich verlassen und dich an meinen Bruder Eisow klammern, wenn ich es getan hätte“. Daher wartete Jaakow bis er nahe daran war zu sterben, um Reuwen erst dann zu tadeln. Mosche lernte von Jaakow, also tadelte auch er das jüdische Volk erst nahe zu seinem Tod.

Dieser Raschi ist sehr schwer zu verstehen. Warum sollte Jaakow sich davor fürchten, dass wenn er Reuwen kritisiert hätte, dies Reuwen dazu führen würde Jaakow zu verlassen und sich an Eisow zu klammern? Zuerst kann man sich eine Beziehung von mehr Liebe, gegenseitigem Respekt und Hingabe als bei Jaakow und seinem ältesten Sohn Reuwen schwer vorstellen. Abgesehen von dem natürlichen Gefühl der Bindung von einem Sohn zu seinem Vater, akzeptierte Reuwen seinen Vater als seinen Lehrer, Mentor und spirituellen Führer. Sicher hätte dies Reuwen zu verstehen ermöglicht, der Tadel seines Vaters wäre nur zu seinem besten.

Überdies, war jedes Gespräch von Jaakow zu seinem Sohn, liebevoll und feinfühlig. Wenn eine Situation entstand bei der Jaakow fühlte, sein Sohn irre sich, würde eine Person wie Reuwen, Worte der Führung willentlich akzeptieren, und seine Wege korrigieren. Warum hätte Jaakow sich fürchten sollen?

Der Schaden der Kritik

Die Antwort auf diese Frage basiert auf dem Effekt, der Kritik auf eine Person hat. Der Orches Tzadikim (Schaar 12) erklärt, dass im Falle da man mich mündlich attackiert, ich mich bestimmt dafür revanchieren möchte. Es ist nicht sehr verschieden als wenn man mich physisch angreift. Ich nehme die Worte als eine Attacke gegen mein Wesen wahr, und es fällt für mich beinahe in die Kategorie der Selbstverteidigung, zurückzuschlagen. Jede Faser von mir schreit danach, sich zu schützen, gegen den Angriff der Worte.

Kritik ist der vorletzte Schritt unterhalb einer verbalen Attacke. Es ist nicht ganz so spitz und nicht ganz so aggressiv – aber nicht weit davon entfernt. Wenn man mich kritisiert, befinde ich mich unter Attacke. Meine Essenz, das was ich bin und wofür ich stehe, wird angegriffen. Man hat es vielleicht nicht so beabsichtigt, dies ist es aber was ich fühle. Es gibt ein starkes Gefühl von Missbilligung und Verurteilung welches aufstösst und ich fühle mich attackiert. Niemand mag es, kritisiert zu werden, und der einfachste Weg dem Schmerz auszuweichen liegt darin, sich loszureissen. Je grösser jemand in meinen Augen ist, desto grösser ist der Schaden seiner Worte, und umso mehr werden sie einen Keil zwischen uns schlagen.

Warum Jaakow sich davor fürchtete, Reuwen zu kritisieren

Dies scheint die Antwort darauf zu sein, warum Jaakow sich so sehr davor fürchtete, Reuwen zu kritisieren. Trotz der Tatsache, dass Jaakow es nur für das Gute seines Sohnes beabsichtigt hätte, und trotz der Tatsache, dass Reuwen die Führung seines liebenden Vaters ersuchte, befürchtete Jaakow es würde sie auseinandertreiben, ihre Beziehung schädigen und Reuwen eventuell sogar wegjagen, wenn er ihn getadelt hätte. Das Gefühl der Missbilligung welches Reuwen gefühlt hätte, wäre so schwer aushaltbar gewesen, dass Reuwen eventuell davongelaufen wäre, um es zu verhindern, vielleicht sogar so fern, dass er sich mit Eisow vereinigt hätte.

Dies ist eine mächtige Illustration des Schadens der durch Tadel angerichtet wird. Auch in einer Beziehung welche auf gegenseitiger Liebe und Respekt basiert, vernichtet die Kritik den Bund und verursacht eine Separation. Hier sehen wir es bei einem hoch entwickelten Menschen, dessen Prioritäten klar waren, ein Mann welcher sein ganzes Leben lebte um zu wachsen und der seinen Vater als den spirituellen Führer der Generation erkannte. Doch hätten Worte des Tadels den Effekt der Separation haben und sogar einen solch grossen Menschen dazu bringen können, sich vom Weg zu entfernen.

Wenn für grossartige Menschen, wie viel mehr also für uns?

Wenn dieses Konzept wahr ist für Leute so gross wie die Awot, umso mehr also für uns? Die Realität ist, dass wir Menschen sehr sensibel sind; wir hungern nach Anerkennung und verachten Ablehnung. Wenn man mich kritisiert, dann fühle ich mich ungewollt und nicht akzeptiert, auch wenn es nicht die Absicht war. Ich fühle, dass man mich nicht anerkennt und ich nicht respektiert werde. Dieses Gefühl ist schwer zu ertragen. Der einfachste Weg für mich ist wegzurennen – weg von der Situation, und weg von demjenigen der mich kritisierte. Aus diesem Grund ist Kritik Gift für jede Beziehung. Als Eltern ist es eine der schädlichsten Elemente, die eine sonst starke Beziehung vernichten kann. Als Ehepartner, kann es der Keil sein, der ein sonst glücklich verheiratetes Paar auseinander treibt. Und zwischen Freunden, kann es die Kraft sein, welche eine sich sonst entwickelnde Beziehung beendet.

Eine der schwierigsten Erfahrungen die einer Person widerfahren kann, ist Missbilligung. Wenn ich mir bewusst bin, dass jemand mich missbilligt, dann ist es so verletzen, dass ich anstelle den Schmerz auszuhalten, ich dem Schmerz ausweiche indem ich der Person ausweiche. Je höher ich die Meinung von jemandem bewerte, desto mehr verletzt werde ich mich fühlen, und umso mehr werden die Worte mich dazu veranlassen, seiner Gegenwart auszuweichen.

3 Regeln der Kritik

Bevor eine Person kritisieren möchte, sollte sie sich aus diesem Grunde an die drei Grundregeln der Kritik erinnern. Die Erste Regel ist: tu es nicht. Die zweite Regel ist: tu es nicht. Und die dritte Regel ist: tu es nicht.

Tu es nicht, weil es verletzt. Tu es nicht, weil es Leute voneinander entfernt. Doch vor allem, tu es nicht, weil es nicht funktioniert.

Auch wenn deine Absicht darin liegt, zu helfen, und auch wenn du die Worte nur für das Gute des Empfängers gedenkst, ist Kritik ein mächtiger Separator welcher nichts Gutes erreicht, sondern bloss Menschen auseinanderbringt, und vermieden werden sollte wie die Pest.

Dies ist ein Auszug aus dem Shmuz auf dem Parsha Buch..

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